Infragrün

Oktober 29, 2006

Schrei

Die Welt ist unruhig
Ein Gewitter ist nahe
Dunkle Wolken huschen vorbei
In der Luft liegt Spannung
Manchmal schreie ich
Mein Ruf erstickt
Die Dunkelheit ist mächtig

Die schwarzen Vögel wollen raus
Ich reiße meinen Brustkorb auf
Meine schwarzen Fingernägel schneiden scharf
Die Vögel fliegen
Ich halte ihnen den Weg frei
Ich weiß, sie werden wiederkommen

Die schwarzen Vögel sind nicht böse
Sie nisten in mir
Ich lasse sie herrschen
Sie verstehen mich nicht
Aber sie sorgen für mich
Sie kommen immer wieder zurück zu mir
Und schauen mich an

Mein Hügel ist grün
Ich bin einsam
Aus meinen stählernen Augen fließt der letzte Tropfen Leben
Das Gewitter bricht aus
Ich falle

Hier, auf diesem Hügel stehe ich und schreie deinen Namen
Hier stehe ich und bin verlassen
Hier töte ich dich

2 Comments:

At 03 November, 2006 11:44, Anonymous Anonym said...

Die gestundete Zeit


Es kommen härtere Tage
Die auf Widerruf gestundete Zeit
Wird sichtbar am Horizont.
Bald musst du den Schuh schnüren
Und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.

Dein Blick spurt im Nebel :
Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befielt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
WSirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen.

Es kommen härtere Tage.

ingeborg bachmann

 
At 09 November, 2006 00:41, Blogger raphael said...

beides ist so unsagbar wahrhaftig... beide gedichte erfüllen mich mit tränenflut.
reno

 

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